Apache - Deutsch –Wörterbuch für drei Gefängnisse

In Chemnitz, Zwickau und Waldheim verbüsste der Schriftsteller Karl May u.a. wegen Hochstapelei mehrere Haftstrafen. Die Zeit hinter Gittern verbrachte er vor allem mit dem Studium von Entdeckungs- und Forschungsliteratur und um eigene fiktive Reisen zu den Mescalero-Apachen durchzuführen. So beeinflussten gerade die Romane um den Apachenhäuptling Winnetou nachhaltig mehrere Generationen in Deutschland und ebnete für viele seiner Leser den Zugang zur indianischen Kultur (Karl May Festspiele/Indianercamps). Interessanterweise stehen die Bücher auch in den Regalen der Apachen.
Zweifelsohne trugen diese Romane zu einem ungewöhnlichem Völkerdialog bei und leiteten einen Austausch zwischen den sehr unterschiedlichen Kulturen ein.
Während eines Besuches des Apachenreservates erhielt ich als Geschenk das Orginalwörterbuch des Stammes. Aufgearbeitet als “Deutsch – Apache - Abreisskalender” wird dieses Buch jetzt ausschliesslich den Gefangenen der Justizvollzugsanstalten Chemnitz, Zwickau und Waldheim (in denen Karl May einsass) zur Verfügung gestellt. Auf jeder der 365 Seiten sind Redewendungen oder Wörter in Apachensprache mit deutscher Übersetzung abgedruckt. Das Wörterbuch erinnert an die vom Aussterben bedrohte Sprache, an die Fiktionen und Reisen des Schriftstellers Karl May und an den ungewöhnlichen Kulturdialog. Womit das Projekt in die Zukunft gerichtet zum Studium und/oder zu neuen imaginären Reisen einlädt.

In der Sprache der Apachen wird das Wort "Kultur" mit "wo Leute Orientierung finden" umschrieben.

Im Rahmen der Ausstellung: “Stadt ausrichten” in Chemnitz, 7. August – 11. September 2010.

Neue Presse, Chemnitz: Apachen-Gruß im Gefängnis, 7. August 2010
Künstler verschickt an Anstalten Abrisskalender für Häftlinge - JVA-Leiter grübeln. Die Apachen brauchen viele Buchstaben für das Wort schwarz, es heißt: tsi'tsinchihzhine. Hans Hs Winkler hat die Kalender entwickelt. A. Truxa, Chemnitz (fp). Ungewöhnliche Päckchen haben in dieser Woche Gefängnisdirektoren unter anderem in Chemnitz und Waldheim erhalten - mit einem Gruß des Schriftstellers Karl May, obwohl der längst tot ist (1842 bis 1912).
Den sinnbildlichen Gruß hat der Berliner Künstler Hans Hs Winkler geschickt, und zwar in Form eines Abrisskalenders, auf dem Wörter aus der Apachen-Sprache ins Deutsche übersetzt werden.

Juergen Raap, Kunstforum, 2010

Bevor Karl May (1842-1912) mit „Hintertreppenromanen", wie man die Trivialliteratur damals nannte, und mit seinen „Winnetou"-Geschichten als Volksschriftsteller Berühmtheit erlangte, arbeitete er zeitweise als Lehrer und Redakteur. In jungen Jahren geriet er auf die schiefe Bahn: In Chemnitz, Zwickau und Waldheim verbüßte er zwischen 1861 und 1874 mehrere Gefängnisstrafen wegen Hochstapelei, Betrug und Diebstahls. Die Haftzeit nutzte May zum Studium von Forschungsliteratur über die Mescalero-Apachen. Er schlüpfte später als Ich-Erzähler in die Rolle des Old Shatterhand, um eigene fiktive Reisen in den Wilden Westen zu erzählen. Bei seinen Wildwest-Romanen und ebenso bei den Orient-Bänden bescheinigten die Kritiker Karl May, seine Landschaftsbeschreibungen überzeugten durch eine verblüffende geografische, botanische und zoologische Exaktheit. Nicht zuletzt deswegen prägen die Karl May-Bände bis heute bei vielen jugendlichen Lesern das ethnologische Bild über die Indianerkultur. Der Berliner Künstler HS Winkler stellte bei einer Reise durch die USA erstaunt fest, dass selbst die heutigen Apachen Karl-May-Bücher in ihren Regalen haben. Als Gastgeschenk erhielt Winkler bei seinem Besuch im Apachen-Reservat das originale Wörterbuch des Stammes. Es dokumentiert eine Sprache, die heute vom Aussterben bedroht ist. „Kultur" z.B. heißt im Apachen-Idiom „Wo Leute Orientierung finden". Künstler Winkler gestaltete ein Wörterbuch „Deutsch-Apache" als Abreisskalender. Auf jeder der 365 Seiten sind Wörter und Redewendungen aus der Apachensprache abgedruckt und übersetzt. Dieses Wörterbuch ist allerdings nicht im üblichen Buchhandel zu erwerben: HS Winkler verteilte die Exemplare ausschließlich an die Insassen der sächsischen Gefängnisse, in denen seinerzeit auch Karl May inhaftiert war.


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